Bildungsgipfel: doch ein Resultat?

Geschrieben von Udo Thelen am 11. Juni 2010

Der sogenannte Bildungsgipfel hat entgegen der Auffassung vieler Kommentatoren ein sehr konkretes Resultat gezeitigt. Zwar konnte Bundesbildungsministerin Annette Schavan angesichts der sperrigen Reaktionen der Ministerpräsidenten noch immer nicht den erhofften Durchbruch bei der Finanzierung der ehrgeizigen langfristigen Bildungsziele verkünden. Trotzdem ist für aufmerksame Begleiter der Debatte eines deutlich erkennbar: Angesichs des monströsen Schuldenbergs und der zu erwartenden Beschränkungen bei der Neuverschuldung fehlt es an der dringend erforderlichen Gewichtung und Priorisierung von Bildungsaufgaben. Orientierung dieser Art ist nicht zu finden in Diskussionen, die um taktische Fragen der Haushaltsplanung von Bund und Ländern kreisen. Wichtige Hinweise für die überfällige Priorisierung findet jedoch, wer sich vor dem Hintergrund demographischer, arbeitsmarkt- und bildungspolitischer Fragen mit dem ganz konkreten Bildungsverhalten von jungen Menschen befasst.

Wenn sich zum Beispiel abzeichnet, dass die Generation der 18- bis 45-Jährigen keine Lust mehr hat, sich zwischen Studium, Berufstätigkeit und Privatleben zu entscheiden; wenn immer öfter festzustellen ist, dass kleine und mittelständische Unternehmen verzweifelt auf der Suche nach Bildungspartnern für ihre internen Personalentwicklungsprogramme sind; wenn allmählich offensichtlich wird, dass die staatlichen Hochschulen und Universitäten der massiv steigenden Nachfrage nach berufsbegleitenden und flexiblen (Teilzeit-)Studienangeboten strukturell nicht gewachsen sind; wenn man sich eingestehen muss, dass die Bildungsfinanzierung zwar in absoluten Zahlen auch im internationalen Vergleich gar nicht so schlecht dasteht, aber dies von den Betroffenen unabhängig vom Qualifizierungslevel fast nie so empfunden wird; dann ergeben sich aus diesen Befunden deutliche Hinweise auf die Richtung, die unsere Bildungsplanung nehmen muss.

Um nur einige der wichtigsten Punkte zu nennen: Hochschulen müssen hinsichtlich ihrer strategischen Planung und der Organisation ihres Lehr- und Forschungsbetriebs  über volle Autonomie verfügen (Stichworte: Dienstherreneigenschaft, selbst verantwortete Kapazitätsplanung und Zulassung von Studierenden, Experimentiermöglichkeiten für neue Studienformate). Die Finanzierung von Hochschulen und Universitäten ist auf ein Verfahren umzustellen, welches neben einem Basisbudget für Infrastruktur und Personal Einnahmen aus marktorientiert kalkulierten Studiengebühren berücksichtigt. Zusätzliche Fördermittel von Bund und Ländern sind nicht mehr über intransparente und befristete Spezialprogramme oder verquaste Wettbewerbe an die Einrichtungen zu vergeben, sondern über institutionalisierte Bildungskonten direkt an Studieninteressierte. Diese Studieninteressierten, die den Zugriff auf ihr Bildungskonto unabhängig vom eigenen Einkommen oder dem Einkommen ihrer Eltern erhalten, entscheiden sich ihrerseits frei für ein Studienangebot an einer aus ihrer Sicht geeigneten staatlichen oder privaten Hochschule. Und für das Lebenslange Lernen schließlich, welches für die benannte Generation der 18-bis 45-Jährigen längst Selbstverständlichkeit geworden ist und welches mehr spezialisierte Angebote der an dieser Stelle sehr zurückhaltenen Universitäten erfordert, haben auch die an der langfristigen Sicherung ihres Personalbestandes interessierten Unternehmen einen erheblichen Anteil zu leisten.

Dies soll ein Resultat des Bildungsgipfels sein? Ja, und nicht einmal ein wirlich Überraschendes. Allerdings auch ein Resultat, das voller vergifteter Pfeile ist. Denn die zu erledigenden Hausaufgaben gehen bei weitem nicht nur, ja nicht einmal vorrangig die Politik an. Sie betreffen alle, die als Nachfragende, Planende oder Anbietende von Bildung die weitere Entwicklung unseres Bildungssystems mit beeinflussen. Eine echte “nationale” Aufgabe.

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