Potenzial und Wissen gehen in Rente
Weiterbildung: (k)eine Frage des Alters?
Was uns bei unseren Studierenden-Gruppen immer wieder positiv auffällt, ist die bunte Altersdurchmischung. Das macht den Austausch unter den Studierenden sehr lebendig und thematisch vielfältig. Im Schnitt sind unsere Studierenden mittleren Alters – von Ende zwanzig bis Mitte fünfzig sind derzeit alle Altersgruppen vertreten. Das Thema „demografischer Wandel“ ist nicht nur in den Medien ein zunehmend präsentes Thema. Jüngst widmen sich auch Bildungsforscher und -Praktikerinnen dieser Thematik. Die demografische Alterung Deutschlands hat gravierende Auswirkungen auf zahlreiche gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Handlungsfelder – die Bedrohung der sozialen Sicherungssysteme, die auf dem Solidaritätsprinzip beruhen, ist dabei nur eines, wenn auch das vielleicht schwerwiegendste Problem. Prognostiziert wird der demographische Wandel seit Jahrzehnten, eine deutliche Reaktion ist allerdings bis heute in weiten Teilen ausgeblieben.
Unternehmen erkennen langsam die Handlungsnotwendigkeit und suchen nach neuen Wegen. Vor allem größere Unternehmen scheinen sich dem Thema inzwischen aktiv zu widmen. Dabei geht es allerdings zumeist darum, wie die Leistungsfähigkeit im Alter erhalten werden kann. Dass sich körperliche Fitness positiv auf die kognitive Leistungsfähigkeit auswirkt, ist dabei nur eines der Forschungsergebnisse der letzten Jahre, an das Firmen anknüpfen. Problematisch bleibt nach wie vor, dass allzu oft vergessen wird, dass der Eintritt in den Ruhestand nicht nur individuell sondern auch vom Unternehmen „bewältigt“ werden muss. Schließlich nehmen Ausscheidende ihr Wissen und ihren Erfahrungsschatz mit. Auch hier gibt es erste Ansätze, wie das Wissen Einzelner erhalten und weiter nutzbar gemacht werden kann. Ein gutes Beispiel sind hier sogenannte Mentorenprogramme, bei denen ältere Beschäftigte ihr Wissen an junge Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter weitergeben (sollen). Zudem wurden von verschiedenen Unternehmen in den letzten Jahren zahlreiche Bildungsansätze für diese Zielgruppe erprobt. Hier zeigte sich, kein überraschendes Ergebnis, beschäftigt man sich mit der einschlägigen Forschungsliteratur: Auch bei der Weiterbildung älterer Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen verhält es sich wie bei der Gesamtbevölkerung – bildungsferne Gruppen nehmen seltener an Weiterbildung teil, Frauen sind altersunabhängig eher bereit, an (organisierter) Weiterbildung teilzunehmen.
Die Problematik wird sich weiter zuspitzen. Mit der Anhebung des Renteneintrittsalters auf 67 wird sie vielleicht zunächst verlagert, aber keinesfalls behoben. Es bleibt zu hoffen, dass hier ein Umdenken stattfinden kann. Und, dass (Weiter-)Bildung im Alter keine Modeerscheinung bleibt. Sonst wird uns die (demographische) Realität nur allzu schnell einholen.
2 Kommentare zu Potenzial und Wissen gehen in Rente
Franziska Martin
7. Juli 2010 um 09:34
Auffällig ist, dass an immer mehr Universitäten, unter anderem auch an der Otto-von-Guericke-Universität Mageburg, das Seniorenstudium höher frequentiert besucht wird. Leider sind nicht immer alle Veranstaltungen für die wissbegierigen Frauen, eher selten Männer, zugänglich sind.
Auch an den Weiterbildungsuniversitäten bzw. an anderen Weiterbildungseinrichtungen sind meist ältere Teilnehmer zu finden, welche ihre Kompetenzen noch im fortgeschrittenen Alter ausbauen wollen.
Ich denke und hoffe, dass gerade in den nächsten Jahren die Zahl der älteren Teilnehmer an Weiterbildungsangeboten steigen wird, da eine Welle an Neurentnern auf uns zu kommt. Das Problem daran, wie bereits im Blog angesprochen: Wie sichert man das “ausscheidende” Wissen für die Nachfolgenden? Dafür sollte vor allem die aktive Austausch innerhalb der Unternehmen gefördert werden.
Kai
8. Juli 2010 um 14:05
Interessante Aspekte, denen ich noch einen hinzufügen möchte: es kann nicht nur darum gehen, das akkumulierte Wissen so genannter älterer Arbeitnehmer für ihre Arbeitgeber quasi zu “ernten” um sie anschließend hinauszukomplimentieren, sondern es muss vor dem Hintergrund des demographischen Wandels zunächst einmal realisiert werden, dass man durchaus auch in Mitarbeiter jenseits der 50 noch investieren kann und sollte. Menschen werden in Zukunft länger arbeiten – und zwar “wollen”, zumindest in den Berufen, in denen es in erster Linie um Kopfarbeit geht. Die Forschung zur Entwicklungspsychologie der Lebensspanne zeigt deutlich, dass dies auch im Sinne der Menschen ist, denn die Abbauprozesse setzen erst dann verschärft ein, wenn der Mensch nicht mehr kognitiv gefordert ist.
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