Seriöse Beratung vs. Verkaufsgespräch – ein (Streit-)Gespräch
Wir alle kennen das: Wollen wir uns bei einem Anbieter oder in einem Geschäft nur unverbindlich umschauen, werden wir von charmanten Damen und Herren „verfolgt“, die uns allerlei Nützliches und Passendes zeigen möchten. Aus diesem Grund ist die Hürde, ein persönliches Beratungsgespräch wahrzunehmen – ganz gleich mit welchem Anliegen – oftmals groß. Aber warum? Vermuten wir hinter jeder persönlichen Beratung von vorneherein ein Verkaufsgespräch, das zwangsläufig darauf hinausläuft, dass wir etwas kaufen, was wir eigentlich nicht brauchen? Kann nicht gerade eine individuelle Beratung dazu führen, dass wir genau die richtige Wahl treffen?
Katja Bodora: Meiner Meinung nach gibt es einen Unterschied zwischen Beratungs- und Verkaufsgespräch. Ich fühle mich nur dann in persönlichen Beratungsgesprächen wohl, wenn ich sie als seriös empfinde. Damit sich dieses Gefühl einstellt, ist es mir wichtig, dass die Beratung vor allem vertrauenswürdig, glaubwürdig und zuverlässig ausfällt. In vielen Fällen habe ich allerdings von Anfang an das Gefühl, mir würde jemand etwas aufschwatzen; das beginnt oftmals schon mit einer reißerischen Werbung.
Rebecca Wanzl: Das sehe ich etwas anders. Ich lasse mich ja beraten, weil ich tatsächlich vorhabe, etwas zu erwerben. Für mich ist Beratung in erster Linie eine Interaktion, die dem Wissenstransfer dient, und zwar unabhängig davon, ob ich letztendlich etwas kaufe oder nicht – diese Entscheidung treffe ich ganz allein. Andersrum gesehen ist es wichtig zu wissen, mit welchem Ziel bzw. mit welchen Erwartungen sich jemand beraten lässt. Um an dieser Stelle mal wieder mein Lieblingsbeispiel zu verwenden: Ein Porsche ist grundsätzlich ein schönes Auto. Wenn aber eine vierköpfige Familie ein Auto sucht, in das alle Familienmitglieder nebst Einkäufen oder Urlaubsgepäck hineinpassen sollen, ist der Porsche definitiv die falsche Wahl; das sollte auch der Verkäufer bzw. die Beraterin erkennen.
Katja Bodora: Wenn ich nun aber mit einem speziellen Anbieter spreche, der auf ein bestimmtes Angebot festgelegt ist, wird er dieses besonders an Herz legen; möglicherweise unabhängig davon, ob für es sich dabei für mich um das passende Angebot handelt. Im Gegensatz zu einem Verkaufsgespräch stehen meiner Meinung nach bei einer Beratung immer Transparenz und Bildhaftigkeit der Informationen und/oder Empfehlungen im Vordergrund. Und es werden Alternativen und auch Konkurrenzangebote aufgezeigt. Nur so kann ich einen unmittelbaren Bezug zu meiner individuellen Realität herstellen und feststellen, ob sich ein Angebot für mich lohnt oder nicht.
Rebecca Wanzl: Stimmt. In der Regel findet aber auch Beratung ihren Abschluss im Erwerb eines Produkts oder einer Dienstleistung oder ist die Dienstleistung selbst, für die ich bezahle. Von einer guten und vor allem individuellen Beratung profitieren immer beide Seiten, Käufer und Verkäuferin.
Katja Bodora: Darauf kann ich mich einlassen. Wichtig ist aber, dass die Beratung in diesem Fall personenorientiert ist. Ich erwarte, dass man sich für meine Fragen Zeit nimmt, meine persönlichen Bedürfnisse Beachtung finden und ich als Person mit meinem Anliegen ernst genommen werde. Empathie, Ehrlichkeit und Wertschätzungen sind die Attribute, die eine professionelle und seriöse Beratung für mich ausmachen.
Rebecca Wanzl: Dann sind wir uns ja einig.
Katja Bodora: Ja. Ich bin gespannt, was unsere Leserinnen und Leser dazu meinen!?
4 Kommentare zu Seriöse Beratung vs. Verkaufsgespräch – ein (Streit-)Gespräch
Markus Jung
18. August 2010 um 13:53
Auch wenn hier weder die Begriffe “Fernstudium”, noch “Weiterbildung” oder “Bildungsberatung” gefallen sind, so liegt es doch nahe, die Diskussion auf genau diese zu übertragen. Und genau hier tritt auch der geschilderte Konflikt zwischen Beratungs- und Vertriebsinteresse auf. So schreibt auch Angela Fogolin (BIBB) in einem ersten Fazit zur Studie “(Weiter-)Bildungsberatung im Fernlernen aus Sicht der Nachfragenden”: “wie oben bereits ausgeführt und durch die Befragungsergebnisse bestätigt, kommt der trägergebundenen Beratung im Fernlernen seit jeher eine große Bedeutung zu – allerdings verwischen hier die Grenzen zwischen „Beratung“ und „Verkaufsgespräch“.” (http://www.bibb.de/veroeffentlichungen/de/publication/download/id/6219 – S. 31). Es fällt sicherlich dann leicht auf die Angebote der Konkurrenz zu verweisen, wenn im eigenen Unternehmen keine Angebote aus diesem Segment vorhanden sind. Aber deutlich schwerer dürfte es fallen, wenn es um Angebote geht, die auch im eigenen Portfolio vorhanden sind und bei Mitbewerbern lediglich in der inhaltlichen oder methodischen Ausrichtung optimaler auf den Interessenten zugeschnitten sind. Bei Fernstudium-Infos.de habe ich unter http://fernstudium.ws/TQ eine Anfrage an die dortigen Benutzer gestellt, ob sie bei den Kontakten zu Fernschulen/Fernhochschulen eher den Eindruck hatten eine Beratungs- oder ein Verkaufsgespräch zu erleben und bin gespannt auf die Rückmeldungen dort – aber auch hier in den weiteren Kommentaren.
Kai
18. August 2010 um 14:36
Es ist doch ein Stück weit wie bei der Anlageberatung: wer sich von einem Institut beraten lässt, das ein wirtschaftliches Interesse am Ergebnis der Beratung hat, der kann nicht ernstlich objektive Beratung erwarten. So wie keine Bank sagen wird, “Frau X, für Ihre speziellen Anlagebedürfnisse haben wir kein Produkt, gehen Sie doch nach nebenan zur Y-Bank und kaufen deren Z-Zertifikat” wird auch kein Bildungsanbieter explizit Programme von Wettbewerbern empfehlen. Aber die Ratsuchende sollte Wertschätzung in dem Sinne erfahren, dass ihr kein offensichtlich ungeeignetes Produkt empfohlen wird. Letztlich ist man bei Bildungs- wie bei Anlageberatung im wahrsten Sinne des Wortes “schlecht beraten”, wenn man seine Entscheidung ausschliesslich von einer einzigen Beratungsinstanz abhängig macht.
Franziska Martin
18. August 2010 um 16:16
Ich muss “Kai” ein bisschen widersprechen.
Natürlich ist es im Sinne einer Bildungseinrichtung, Studierende zu gewinnen. Bei seriösen Anbietern wird jedoch auch das Ziel verfolgt, die Bedürfnisse der Interessierte zu beachten. Es ist demnach durchaus möglich, dass man auf eine andere Institution verwiesen wird, wenn ein geeignetes Programm nicht in dem Portfolio der jeweiligen Einrichtung ist. Eine professionelle Beratung durchzuführen bedeutet auch, großen Wert darauf zu legen, dass sich die Studierenden in ihrem Studienangebot wohl fühlen. Dies kann jedoch nicht erreicht werden, wenn ein Programm empfohlen wird, das nicht den Ansprüchen der Interessierten entspricht.
Die Langzeitwirkung einer solchen Beratung ist nicht zu unterschätzen. Wenn man ehrlich und vor allem auch mit einer gewissen Transparenz (auch gegenüber anderen Anbietern) beraten wird, so erinnert man sich doch positiv an die Beratungssituation und empfiehlt die Institution weiter.
Kai
18. August 2010 um 17:01
Hallo “Franziska”~
Ich denke auch, dass man es im Bereich Bildung mit einer mündigen und gut informierten Klientel zu tun hat, die sich nicht wider eigene Wünsche, Erwartungen und Interessen “über den Tisch ziehen” lässt.
Du hast sicher recht, dass es sehr kurzsichtig wäre, als Berater/Verkäufer einen Verkaufserfolg gegen die Interessen des Ratsuchenden durchzusetzen, weil das langfristig nur Enttäuschung und negative Mundpropaganda bedeutet. Zum Glück ist ja bei der Bildungsberatung das Beratergehalt nicht an den Umsatz gekoppelt
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