Der Arbeitskraftunternehmer – Utopie oder bereits (Arbeits-)Realität?
Erwerbstätige müssen zunehmend unternehmerisch mit ihrer eigenen Arbeitskraft umgehen, um ihren Marktwert zu erhöhen. Immer mehr Unternehmen setzen bei Ihren Managementkonzepten auf solch indirekte Steuerung. Bei dieser Form des Managements sind Teams zunehmend vertikal strukturiert. Die Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen übernehmen in der Ausführung ihrer Arbeit die (basale) unternehmerische Funktion, die bisher Aufgabe des Managements darstellte. Die Steuerung durch „oben“ wird also zunehmend auf alle Mitarbeiterebenen verteilt.
Für Erwerbstätige bedeutet dies erweiterte Selbstverantwortung. Sie haben die Möglichkeit, sich selbst und ihre Ideen einzubringen und so sowohl den eigenen Handlungsspielraum als auch die Entwicklung des Unternehmens aktiv mitzugestalten. Wenn sie aber die Anforderungen des Unternehmens nicht erfüllen, müssen sie die Folgen selbst tragen.
Der Vorteil der großen Freiräume bringt gleichzeitig enormen Leistungsdruck mit sich. Auf der einen Seite kann man zwar eine Auflösung traditioneller betrieblicher Strukturen beobachten. Auf der anderen Seite bringt aber gerade diese Tatsache eine Verbetrieblichung der alltäglichen Lebensführung der Arbeitnehmer mit sich. Der Arbeitskraftunternehmer muss an 24 Stunden und 7 Tagen der Woche seinem Unternehmen zur Verfügung stehen. Es erfolgt eine systematische Ausrichtung des gesamten Lebenszusammenhangs auf die Bedürfnisse des Unternehmens.
Das Verhältnis zur eigenen Arbeitskraft verändert sich. Diese wird zur Ware und die Arbeitskraftunternehmerin muss diese Ware (ihre Fähigkeiten) zunehmend strategisch vermarkten. Zusätzlich zu einer erhöhten Arbeitsbelastung muss also Zeit in das Selbstmarketing investiert werden. Beschäftigte müssen sich nicht nur der Pflege und dem stetigen Ausbau ihrer Kompetenzen widmen, sondern sich auch an Markterfordernissen orientieren. Was wiederum komplexe Kompetenzen von ihnen abverlangt. Es wird unabdingbar, sich selbst aktiv und effizient zu steuern. Selbststeuerung wird für den Arbeitskraftunternehmer zur Schlüsselkompetenz.
Was also muss Weiterbildung hinsichtlich der stetigen Fragmentierung von Arbeitsbiografien und der Notwendigkeit der Selbstvermarktung bieten? Erwerbstätige müssen Ihre Stärken- und Schwächen analysieren können, um an ihnen zu arbeiten. Fähigkeiten, Kenntnisse und Erfahrungen aus unterschiedlichen Kontexten müssen zunächst zusammengeführt werden. Arbeits- und Lernprozesse – gerade auch in sich verändernden Situationen – müssen begleitet werden. Dies erfordert auch seitens der Bildungsanbieter oder anderen Ein-richtungen oder Personen ein hohes Maß an Lern- und Karriereberatung. Dabei spielt eben-falls die Vereinbarkeit von Leben, Arbeiten und Weiterbildung eine große Rolle. Nur wer es schafft, eine gute Balance herzustellen, wird sich langfristig „vermarkten“ können. (ls, rz)
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