Lernen: lebenslang und lebensverlängernd

Geschrieben von Kai Verbarg am 7. Februar 2011

Am 31.01.2011 war die Forschungsstelle Weiterbildungsforschung und Bildungsmanagement der DUW Gastgeberin eines Vortrags von Prof. Dr. Ursula M. Staudinger mit dem (wie Frau Staudinger gleich zu Beginn einräumte) grammatikalisch nicht ganz lupenreinen Titel “Bildung für und während eines langen Lebens.” Dabei steht das “während” für das bereits weithin bekannte, aber noch (immer) unzureichend umgesetzte Konzept Lebenslangen Lernens; das “für” steht für die lebensbereichernde, ja sogar lebensverlängernde Wirkung von Lernen und Bildung.

Der enorme Zuwachs an nahezu 30 Jahren Lebenszeit erfordert dringend ein Umdenken im Hinblick auf die bisher eher unflexible, statische Sichtweise auf den Lebenslauf :  also keine konsekutiven Phasen von (Aus-)bildung, Beruf und Ruhestand mehr, sondern eine flexible Parallelität von Beruf, Freizeit, und Lernen.

Die international renommierte Entwicklungspsychologin verband hoffnungsvoll stimmende empirische Befunde aus der Alter(n)sforschung mit der eher ernüchternden Botschaft, dass diese Erkenntnisse noch nicht annähernd auf allen Ebenen angekommen sind, die mit dem Lebenslangen Lernen in Verbindung stehen – a also etwa den Ebenen des Individuums, der Familie, des Bildungssystems, des Wirtschaftssystems, und der Gesellschaft.

Dem kulturell tief verwurzelten, aber überholten Bild vom unvermeidlichen Leistungsabfall im Alter setzte Ursula Staudinger Befunde aus Entwicklungspsychologie und Neurowissenschaft entgegen: von den beiden großen Komponenten Pragmatik (Erfahrungswissen, kristalline Intelligenz) und Mechanik (Problemlösefähigkeit, fluide Intelligenz, geistige Beweglichkeit) ist die erste kaum von altersbedingten Einbußen betroffen, während die zweite zumindest trainierbar ist. Aufgrund ihres Erfahrungswissens gelingt es Alte(rnde)n, durch Selektion, Optimierung und Kompensation die Einbußen teilweise aufzufangen. Interessante Aspekte ergeben sich auch in der Interaktion von Älteren mit Jüngeren: Ältere sehen leicht “alt” aus, wenn sie mit Jüngeren über neueste Technologien sprechen müssen; sie gewinnen an Selbstwertgefühl und an mentaler Fitness, wenn sie sich mit Jüngeren über Themen austauschen, in denen Lebens- und Berufserfahrung eine entscheidende Rolle spielen.

Vorsichtig optimistisch war die Referentin, dass ein Umdenken auf vielen Ebenen bereits begonnen hat; beschleunigt zum Teil sicherlich auch durch die demographische Entwicklung. Über Nacht werden sich tradierte Altersbilder und systemische Strukturen nicht verändern. Aber Politik, Wirtschaft und Bildungssystem werden, auch im Dialog mit Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen wie Frau Staudinger, Weichenstellungen vornehmen und bestehende strukturelle Hemmnisse für individuelle Weiterbildungsgestaltung abbauen.

Tags: , , , ,

Abgelegt unter: Aus der Forschung

Sie können RSS-Kommentare abonnieren. Es besteht die Möglichkeit, diesen Artikel zu kommentieren oder einen Trackback von der eigenen Seite zu senden.

Kommentieren

Spam Protection by WP-SpamFree